Fritz‘ Flucht aus St. Wendel

Fritz Berls Atlas

Noch am selben Tag muss Fritz mit ansehen, wie in der Nacht des 10. November 1938, also mit einem Tag Verzögerung zu den übrigen Anschlägen der Reichspogromnacht vom 09. auf den 10.11., die St. Wendler Synagoge brennt. Die verbliebenen St. Wendler Juden werden gezwungen, die Zerstörung mit anzusehen und statt den Brand zu löschen, hält die anwesende Feuerwehr mit ihren Schläuchen die Juden davon ab Widerstand zu leisten und trägt dafür Sorge, dass die Flammen nicht auf angrenzende Gebäude übergreifen. Im Anschluss an das menschenverachtende Schauspiel werden die verbliebenen männlichen Juden der St. Wendler Gemeinde inhaftiert, um sie ins KZ Dachau zu deportieren, darunter auch Fritz Berl. Glücklicherweise wird der Dreizehnjährige jedoch bei einem Zwischenhalt in Saarbrücken aufgrund seines jungen Alters vorerst wieder freigelassen und kann so zurück zu seiner Mutter nach St. Wendel kehren. Aufgrund der sich stetig zuspitzenden Situationen für Juden im Dritten Reich und somit auch in St. Wendel, fasst Fritz Mutter Erna rasch den Entschluss, ihren Sohn außer Landes zu schaffen, um ihn dem Zugriff der Nazis zu entziehen. Am Anfang steht vermutlich ein Besuch seiner Halbschwester Irma Rosenberg in Aachen, währenddessen sich der Plan seiner Flucht aus Deutschland in Absprache mit seiner Mutter verfestigt haben könnte. Wahrscheinlich beginnt er auch von dort aus die Flucht aus Nazideutschland. Er versucht zunächst unerkannt mit dem Zug nach München zu reisen. Bei sich trägt Fritz laut Aussage seiner Tochter und Enkel lediglich seinen Schulatlas, um sich während seiner Flucht orientieren zu können und eine Krawatte, um nach außen den Anschein eines Mitglieds der Hitler-Jugend zu erwecken und weniger aufzufallen. Seine Kennkarte, welche jeder Jude bei sich haben musste, nimmt er ebenfalls mit, obwohl sie ihn mit einem einzigen Blick eindeutig als jüdischen Jungen enttarnt hätte. Diese Kennkarte unterzeichnet er selbst mit seinem Rufnamen „Fritz“ und dem Beinamen „Israel“, den jeder Jude bekam. Seine Tochter berichtet, dass er sich so gut es ging versucht zu verstecken, um während der zahlreichen Zugkontrollen nicht erwischt zu werden. Von München schafft er es mit einer der letzten Gruppe flüchtender Kinder den Brenner-pass zu passieren, um nach Ancona in Italien zu gelangen. Dort besteigt er vermutlich ein Schiff der Untergrundorganisation Haganah, um die letzte Etappe seiner Flucht über das Mittelmeer zu bestreiten.

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